Nichts tun

“Nichts tun” kann heißen: “nichts Böses tun”, aber auch: “nichts Gutes tun”.

Über folgendes Zitat aus Max Frisch’ “Der andorranische Jude” bin ich gestolpert. Es zeigt großartig, auf engsten Raum verdichtet, wie Ausgrenzung funktioniert. Alles, was in dem folgenden Absatz gesagt wird, könnte auch das Verhalten eines Menschen mit Behinderung und seiner Umgebung beschreiben:

“Der Umgang mit ihm [dem Juden] war anregend, ja, aber nicht angenehm, nicht gemütlich. Es gelang ihm nicht, zu sein wie alle andern, und nachdem er es umsonst versucht hatte, nicht aufzufallen, trug er sein Anderssein sogar mit einer Art von Trotz, von Stolz und lauernder Feindschaft dahinter, die er, da sie ihm selber nicht gemütlich war, hinwiederum mit einer geschäftigen Höflichkeit überzuckerte; noch wenn er sich verbeugte, war es eine Art
von Vorwurf, als wäre die Umwelt daran schuld, daß er ein Jude ist — Die meisten Andorraner taten ihm nichts. Also auch nichts Gutes.” 

(Max Frisch, “Der andorranische Jude”, aus: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, Band 2.2, Frankfurt a.M. 1976, S. 372-374, hier: S. 373)

Susanne Hartwig